Sie muss für vieles herhalten, die Liebe. Fast so wie der Alkohol. Wenn man irgendeine Dummheit gemacht hat, behauptet man einfach, man sei blind gewesen vor Liebe. Oder betrunken.


Der Alkohol entschuldigt alles. Man war sturzbetrunken, hatte keinen klaren Kopf, anscheinend benehmen wir uns wie Vollidioten, sobald wir etwas getrunken haben – und das als gegeben hinzunehmen, passt eigentlich allen ganz gut in den Kram.
Und deshalb lassen wir dasselbe für die Liebe gelten. Nur dass ich persönlich überhaupt nicht daran glaube.

Ich glaube an die Liebe, an ihre Magie, an die Hormone, die mit einem durchgehen, an Gerüche, die einen anziehen, an Körper, die miteinander kommunizieren, an Schmetterlinge, die flattern, an den Blitzschlag, der einen trifft, daran, dass man sich ohne viele Worte versteht, an gemeinsame Erinnerungen, die zusammenschweißen, an Auseinandersetzungen, die Nähe schaffen, an Versöhnungen, die im Bett stattfinden, auch an die Liebe, die ein ganzes Leben hält.
Ich gebe zu, ich glaube sogar an die Ehe. Ich bin romantisch, ja. Oder total naiv.
Aber wenn es eine Sache gibt, an die ich nicht glaube, ist es die, dass man nichts gegen die Liebe auszurichten vermag. Mit der Vorstellung von der Liebe als unabwendbarem Schicksal kann ich nichts anfangen. Erstens, weil es zu einfach wäre, zweitens, weil es nicht stimmt, und schließlich, weil es traurig wäre.

Immer wieder hört man Leute im Fernsehen, Radio oder im persönlichen Umfeld, die unglaubliche Geschichte ihrer unglaublichen Beziehung erzählen. Und dann heißt es am Ende immer, „tja, gegen Liebe kann man eben nichts machen“.
Das behaupten auch die zwanzigjährigen Hüpfer, die etwas mit Sechzigjährigen anfangen. Oder sechzigjährige Frauen, die mit jungen Kerlen um die zwanzig anbändeln. Oder Mädels, die sich in den besten Freund ihres Freundes verlieben. Oder Typen, die ihre Frau seit fünfzehn Jahren mit der Grundschullehrerin ihres gemeinsamen Kindes betrügen.

Ich habe nichts gegen all diese Leute, ehrlich gesagt ist es mir ziemlich wurscht, was Zwanzigjährige mit Sechzigjährigen anstellen oder Mädels mit dem exbesten Freund ihres Exfreundes oder ob jemand seine Frau mit der Grundschullehrerin des gemeinsamen Kindes betrügt – solange ich nicht in der Haut dieser Frau, der Grundschullehrerin oder der des Kindes stecke.
Es ist die Art und Weise, wie man sich gern aus der Affäre zieht, die nervt. Nach dem Motto, „wo die Liebe eben hinfällt, da kann man nichts machen“. Nein, die Liebe ist nicht allmächtig, man hat immer eine Wahl, was durchaus mühevoll sein kann.
Die Wahl, etwas aufzubauen oder nicht, erfordert die Mühe, sich die Möglichkeiten dazu zu geben.
Ich gebe zu, das hört sich nicht sehr glamourös an, aber eigentlich ist es viel schöner, als es den Anschein hat.
Wenn wir tatsächlich keine Wahl hätten, wenn die Liebe uns passieren würde, ohne dass wir etwas dagegen tun könnten, gäbe es wesentlich mehr Verstrickungen zwischen Freunden und Freundinnen, Vätern und den Freundinnen ihrer Töchter, Lehrerinnen und ihren Schülern und so weiter. Kurzum, es herrschte echtes Chaos.

Mal abgesehen von der Tatsache, dass, wenn die Liebe uns einfach so passierte, sie genauso schnell einfach so wieder verschwinden würde. Dann ließen sich alle Trennungen auf ein „Ich liebe dich nicht mehr“ zurückführen.
So gesehen, würde es ein paar Dinge leichter machen. Solange man sich liebt, ist alles gut, sobald man sich nicht mehr liebt, trennt man sich. Punkt, Ende, aus.
Was allerdings doof wäre: Wenn die Liebe bei dem einem verschwände, nicht aber beim anderen. Und unter der Prämisse, dass man nichts dagegen tun kann, wäre der Verlassene dann womöglich sein Leben lang in die Person verliebt, die ihn verlassen hat.
Lebenslanger Liebeskummer, das wäre echt anstrengend. Davon hört man glücklicherweise eher selten.

Wenn man an die unbegrenzte und übernatürliche Macht der Liebe glaubt, wie lässt sich dann erklären, dass man sich von einer Trennung erholen und sich damit abfinden kann?
Ich finde, es ist definitiv eine gute Nachricht, dass die Liebe so magisch nun auch wieder nicht ist.

Camille, gerade im nicht-blind-vor-Liebe-Modus

Camille Anseaume Autorin von „Ein ganz kleines Glück“