Es gibt Begegnungen, bei denen man spürt, dass sie ein Leben ändern können. Dieses Gefühl empfand ich zum ersten Mal, als ich 19 Jahre alt war, und der Auslöser war – natürlich – eine Frau. Ich sah sie immer im Knaack-Club, in den ich damals jedes Wochenende ging, aber weil ich ein sehr  schüchterner Mensch bin, sprach ich sie nie an.

Über einen Bekannten erfuhr ich ihren Namen, Josephine. Ich nahm mir jedes Wochenende wieder vor, sie nun endlich anzusprechen, ich bereitete mich die restliche Woche mental darauf vor, aber wenn ich sie dann sah, konnte ich mich einfach nicht überwinden. Ich wusste ja, dass sie kommendes Wochenende wieder da sein würde. Das war mein Halt.

Tja, irgendwann war sie dann nicht mehr da. In den nächsten Wochen spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass es kaum etwas Schlimmeres gibt als eine verpasste Gelegenheit. Ich erzählte meinen Freunden so oft von ihr, dass sie ihren Namen nicht mehr hören konnten. Ich war zum ersten Mal unglücklich verliebt. Sozusagen aus der Ferne. Sie hat es ja nie erfahren. Bis zu diesem Sommertag ziemlich genau zwei Jahre später, als ein guter Freund in der S-Bahn eine Frau sah, deren Aussehen zu meinen detaillierten Beschreibungen passte. Kurzentschlossen trat er auf sie zu und sprach sie an.

„Entschuldigung, heißt du vielleicht Josephine?“, fragte er.

„Ja“, erwiderte sie irritiert. „Warum?“

„Weil ein guter Freund einmal ziemlich verliebt in dich war.“

Er setzte sich zu ihr, beschrieb mich und erstaunlicherweise wusste sie sofort, wer ich war. Sie wusste sogar meinen Namen. Offenbar hatte sie sich auch nach mit erkundigt. Auch für sie war es eine verpasste Gelegenheit. Als sie ausstieg, gab sie ihm ihre Nummer. Abends rief er mich an, und erzählte mir von dieser Begegnung. Es war ja schon zwei Jahre her, aber als ich ihren Namen hörte, war alles wieder da. Dieses euphorische Gefühl, diese Aufbruchsstimmung. Alles schien sich zusammenzufügen. Man begegnet sich immer zwei Mal im Leben, und wir bekamen unsere zweite Chance. Am nächsten Tag rief ich sie an, und wir verabredeten uns in einem Café in der Greifswalder Straße.
Es war ein heißer Nachmittag, Josephine verspätete sich ein wenig, und während ich wartete, malte ich mir in Gedanken aus, wie unsere Date ablaufen würde. Alles war perfekt. Dann kam Josephine. Sie winkte schon von weitem. Als sie an den Tisch trat, umarmtem wir uns. Dann sagte sie:  „Sag mal, ist dir auch so heiß? Ich schwitze wie ein Arsch.“
Oh, dachte ich, und spürte, dass die Illusion schon nach zehn Sekunden begann zu zerfallen. Aber ich ahnte nicht, dass das erst der Anfang war, dass dieser Nachmittag meine Illusionen geradezu zerschreddern würde. In unserem kurzen Telefonat war mir auch gar nicht aufgefallen, dass sie so stark berlinerte. Leider so stark, dass ich mich unwillkürlich mit entschuldigenden Blicken nach den anderen Gästen umsah. Während sie sprach überlegte ich, ob es unangemessen war, mir jetzt einen Long Island Ice Tea zu bestellen. Es war erst 14 Uhr.

Irgendwann erzählte sie in gemütlichen Plauderton, dass ja jeder seine Jugendsünden hat. Ihre war, Mitglied in der „Kameradschaft Germania“ gewesen zu sein. Ich lachte, es war natürlich ein Scherz. Es konnte nur ein Scherz sein. Es war kein Scherz. Das war der Moment, in dem ich begriff, dass es sehr angemessen war, jetzt ganz schnell einen Long Island Ice Tea zu bestellen.
Zwei Stunden später verabschiedeten wir uns. Ich schwankte ein wenig, als ich die Greifswalder Straße hinunterlief. Wir sahen uns nie wieder. Aber hin und wieder habe ich an sie gedacht. Aus der Ferne war die Liebe noch da. Die Liebe zu einer Illusion, die ich in Gedanken immer wieder aufs Neue kultiviert habe.

Sie hatte nichts mit Josephine zu tun.

Michael Nast ist der Autor von „Ist das Liebe oder kann das weg?“