Familie kann man sich nicht aussuchen – aber sie trotzdem lieben

Streit unter Geschwistern ist erstmal nichts Ungewöhnliches. Es gibt jedoch Fälle, in denen die Gründe dafür eventuell tiefer liegen als angenommen. Barbara Kunrath hat ein Buch über zwei Schwestern geschrieben, in dem sie auch ihre eigene Geschichte und die Beziehung zu ihrer Familie verarbeitet. Hier verrät sie, was sie zu diesem Buch motiviert hat und wie sie selbst zu ihrer Familie steht.

Der Anlass zum Streiten ist selten der Grund

Ich habe ein Buch über zwei Schwestern geschrieben. Zwei Schwestern, die sehr verschieden sind. Sie vertragen sich meistens, manchmal streiten sie auch, aber immer – das steht außer Frage – lieben sie sich.

Ich habe einen Bruder und eine Schwester. Ich liebe sie beide. Als Kind habe ich mich mit meinem Bruder oft gestritten, er ist nur ein Jahr älter als ich. Mit meiner Schwester nicht, sie ist fast zwölf Jahre jünger. Wir haben nicht gelernt uns gut zu streiten – wenn wir stritten, dann flogen die Fetzen. Wenn wir uns heute streiten, dann ist es ruhiger, aber auch verletzender. Wir werfen uns gegenseitig etwas vor, von dem wir nicht genau wissen, was es eigentlich ist. Der Anlass eines Streits verliert an Bedeutung, es kommen Dinge zum Vorschein, die wir irgendwo in uns vergraben haben und eigentlich auch schon vergessen. Aber jetzt müssen wir sie unbedingt wieder auspacken, weil wir verletzt sind und verletzen wollen. Natürlich vertragen wir uns auch wieder, aber das Vertragen ist nur oberflächlich. Unter der Decke gärt es weiter, da hilft auch unsere bemühte Freundlichkeit nichts. Bis zum nächsten Streit.

Warum ist das so?

Das Verhältnis zwischen den Eltern beeinflusst uns und unsere Geschwister

Vor einigen Jahren war ich in einer Klinik für psychosomatische Beschwerden. Ich hatte schreckliche Migräneattacken und war im Begriff, mich in eine handfeste Depression zu verabschieden. In Einzelgesprächen mit meiner Therapeutin habe ich damals viel über mich und meine Familie erfahren. Über meine Eltern, meine Geschwister, meine Kindheit. Ich musste erkennen (und auch akzeptieren), dass es in meinem Leben viele Parallelen zu dem meiner Mutter gibt. Dabei wollte ich früher, als rebellischer Teenager, doch genau das nie werden, was sie ist: Angepasst, devot, konfliktscheu. (Meine Schwester ist übrigens genau das Gegenteil!)

Und dann mein Vater. Er lebt schon lange nicht mehr. Er hatte ein Alkoholproblem und ein hohes Aggressionspotential. Cholerische Ausraster im Wechsel mit kreativen Phasen. Und jede Menge nicht ausgeschöpfte Potentiale. Habe ich die auch?

Meine Eltern stritten sich viel. Sie trennten sich, als ich 23 und längst ausgezogen war.
„Die Unausgewogenheit in der Beziehung Ihrer Eltern hat etwas mit Ihnen und Ihren Geschwistern gemacht“, sagte die Therapeutin. „Bei Ihnen muss so Einiges aufgeräumt werden.“

Vergrabene Erinnerungen und geerbte Empfindungen müssen neu sortiert werden

Ich weiß noch, dass ich damals sofort ein Bild von einem überladenen Schreibtisch im Kopf hatte. Über Jahre wurden endlos viele Notizen, Briefe, Rechnungen, Kontoauszüge und Werbezettel abgelegt und jetzt musste er Blatt für Blatt wieder befreit werden. Es reichte nicht, die Blätter einfach wegzunehmen. Sie mussten sortiert und chronologisch oder nach Themen abgeheftet werden. Eingeteilt in wichtig und unwichtig, in „wird noch gebraucht“ oder „kann weg“.

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Aber kann man sein Leben aufräumen wie einen Schreibtisch? Bis die glänzende Furnierschicht wieder frei und unbedeckt ist? Mit Hilfe einer Therapie?
Und was bedeutete das konkret für mich? Ich bekam mein Leben nicht auf die Reihe und sollte jetzt mit einer Therapeutin, besprechen, wer daran schuld war? Ich hatte meine Zweifel, das machte es mir nicht leicht.
„Es gibt schließlich Menschen, die viel Schlimmeres erlebt haben oder immer noch erleben. Krieg zum Beispiel“, sagte ich. „Wenn Bomben fallen, denkt doch auch keiner: Ich brauche unbedingt einen Termin bei einem Therapeuten.“
„Glauben Sie denn, dass Menschen mit traumatischen Kriegserlebnissen keine  Hilfe brauchen? Ich bin sicher, unseren Eltern und Großeltern wäre manches erspart geblieben, hätten sie die Möglichkeit gehabt, ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten. Und uns auch. Wir haben vieles von unseren Vorfahren geerbt, und dieses Erbe können wir nicht ablehnen“, war die Antwort.

Und so erfuhr ich, dass das emotionale Gedächtnis unserer Vorfahren, ihre Verletzungen und Erfahrungen, auch in uns weiterleben. Haben Sie das gewusst? Mir war es bis dahin neu.

Eine Reise zu sich selbst

Zu Hause suchte ich mir also eine Therapeutin und setzte fort, was ich in der Reha-Klinik begonnen hatte: Ich räumte auf. Zwei harte Jahre lang.

Mittlerweile ist der Prozess zwar noch immer nicht völlig abgeschlossen, aber man kann das Furnier wieder erkennen. Es ging nicht ohne Tränen, ich heulte was das Zeug hielt, in meinen Therapiesitzungen verbrauchte ich stapelweise Packungen mit Papiertaschentüchern. Aber ich habe auch viel gelernt. Mein Potential auszuschöpfen zum Beispiel. Deshalb schrieb ich ein Buch. Über zwei Schwestern, deren emotionales Familienerbe sie auf eine Reise in die Vergangenheit schickt. Natürlich gibt es auch bei diesen beiden Schwestern, Alexa und Katja, jede Menge Aufräumbedarf. Die Reise hat ihnen geholfen, Ordnung in ihr Leben zu bringen und auch die Dinge zu erkennen, die außerhalb ihres Blickwinkels liegen.

Manchmal überlege ich, mich mit meinen Geschwistern auch auf eine Reise zu begeben. An die Orte, die ich mit meiner Therapeutin besucht habe.

Oft hilft es, einfach mal zuzuhören

Oh, das Telefon klingelt. Ich bin gleich wieder da.

Es war meine ältere Tochter. Sie hat Streit mit ihrer Schwester und machte am Telefon ihrem Ärger Luft. Ich hüte mich in solchen Situationen, Partei zu ergreifen. Das Gespräch dauerte lange, sie hatte viel zu erzählen (zwischendurch musste sie auch noch eine Auseinandersetzung ihrer eigenen Kinder schlichten), aber ich bin eine geduldige Zuhörerin. Ihr Reden und mein Zuhören haben ihr am Ende geholfen, den Streit zu reflektieren. Und zu relativieren. Eigentlich bestand gar kein wirklicher Grund für die ganze Aufregung.

Und eins ist klar: Sie liebt ihre Schwester. Genauso wie auch umgekehrt.


In „Schwestern bleiben wir immer“ geht es um Alexa und Katja, zwei grundverschiedene Schwestern, die nach dem Tod ihrer Mutter erfahren, dass es in ihrer gemeinsamen Vergangenheit noch einige verborgene Wahrheiten zu finden gibt. Gemeinsam machen sie sich auf diese Reise.

Wie geht es euch mit eurer Familie? Habt ihr in letzter Zeit schon einmal Danke gesagt? Hier haben wir Familien-Grußkarten und weitere Buchtipps zum Thema für euch! Meldet euch außerdem in unserem Newsletter an, um keine Herzensnews mehr zu verpassen.


Der Text von Barbara Kunrath ist bereits auf Resonanzboden.com, dem Blog der Ullstein Buchverlage, veröffentlicht worden.

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